Home / Laufen, Ausdauersport / 24-Stunden-Bahnlauf in Alzey 2003

24-Stunden-Bahnlauf
in Alzey 2003

  Vor meinem ersten 24-Stunden-Lauf bin ich fast so nervös wie vor meinem ersten Marathon 2001. Ich plane dieses Abenteuer minutiös vor, lese im Internet alle Erfahrungsberichte, die ich finden kann, hole mir Rat von alten Hasen in Steppenhahns Ultramarathonforum und sehne den Start mit einer Mischung aus Vorfreude und Gruseln herbei. Meine längste bisher gelaufene Strecke war der 60-km-Supermarathon um den Edersee im März 2002, und ich habe keine Ahnung, was mich jenseits der 60 Kilometer erwartet.

Der von den "Strubbelkids" (Verein zur Förderung der seelischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen e. V.) veranstaltete Benefizlauf im Alzeyer Wartbergstadion findet 2003 zum zweiten Mal statt. Die zum Teil von diesem Verein und zum Teil von den Läufern selbst angeworbenen Sponsoren stiften einen vorher festgelegten Betrag für jede gelaufene Runde ihrer Mannschaft.

Als ich mit der 1. Vorsitzenden, Marion Fiox, telefonisch Kontakt aufnehme, ist die Anmeldefrist bereits verstrichen. Sie ist trotzdem sofort damit einverstanden, mich als Einzelläufer anzunehmen und statt Barem für jede gelaufene Runde eine Sachspende zu akzeptieren: Ich werde den Lauf im Internet bekannt machen (alle entsprechenden Informationen sowie die kompletten Ergebnislisten werden demnächst hier veröffentlicht), damit er bei der nächsten Austragung 2005 nicht nur regional bekannt ist und noch mehr Teilnehmer haben wird.

Bereits am Vorabend belade ich mein Auto mit allem, was nützlich sein könnte. Meine Tocher Julia (9) kommt als Supporterin mit (--> Julias Bericht).

16 Mannschaften sind angemeldet, in der Regel zu je 10 Läuferinnen und Läufern, darunter auch eine Jugendmannschaft und sogar eine Kindermannschaft. Klaus Herbst und ich sind die einzigen Einzelläufer - auch für den Veranstalter ein Novum, denn 2001 waren ausschließlich Mannschaften dabei.

Wir fahren am Samstag schon um 8:30 Uhr los, damit wir ohne Zeitdruck unser Zelt und die Versorgungsstände aufbauen und uns mit der Organisation vor Ort vertraut machen können. Marion Fiox überreicht mir die Startnummer 1. So viel Ehre macht mich ein bisschen verlegen, denn ich bin über das Anfängerstadium eines Langstreckenläufers, das meiner Überzeugung nach mehrere Jahre dauern kann, noch lange nicht hinaus. Mein Ziel ist es, mehr als 100 Kilometer zu laufen, damit ich beim legendären 100-km-Lauf in Biel (2004?) meinen inneren Schweinehund mit der zwingenden Logik entwaffnen kann, dass ich diese Strecke ja schon einmal geschafft habe.

Punkt 11:00 Uhr geht es los. Die gemeinsame Startrunde aller Läufer wird nicht gewertet. In der ersten Stunde laufe ich so langsam und kraftsparend wie ich kann. Exakt 8 Kilometer kommen zusammen. Die Hochrechnung ergibt die für mich völlig unrealistische Distanz von 192 km. Deshalb lege ich jetzt schon ein paar Runden Gehpause ein. Dann laufe ich wieder eine Stunde. In der nächsten Gehpause, weniger als 2 1/2 Stunden nach dem Start, spüre ich einen reißenden Schmerz unter der rechten Ferse. Sofort denke ich an meine latente Schwäche, die vor einem Jahr auskurierte Plantarfasziitis, und suche medizinischen Rat. Die Ärztin tastet die Stelle ab und meint, es müsse nicht unbedingt Plantarfasziitis sein, auch eine Muskelzerrung könne diesen Schmerz verursachen. Sie trägt Voltaren auf (ich frage mich, ob das meine Barfüßer-Hornhaut durchdringen kann), rät mir, die Füße eine Weile hochzulegen und dann weiterzusehen.

Nach einer halben Stunde bin ich wieder auf der Bahn und stelle fest, dass ich annähernd schmerzfrei - meist sogar völlig schmerzfrei - mit 5-6 km/h gehen kann. Damit könnte ich mein Ziel von 100+ km noch erreichen, wenn ich mit nur kurzen Pausen bis zum Schluss durchhalte.

Die Staffelläufer rotieren so schnell um die Bahn, dass mir von den schnellsten kein brauchbares Foto gelingt. Ich bewundere ihre Leistung, 24 Stunden lang ein knüppelhartes Intervalltraining mit 800-m-Läufen und relativ kurzen Regenerationspausen durchzuziehen, davon viele Stunden bei fieberhaft heißer Luft. Auch die Leistung der Kinder ist phänomenal. Mir fällt immer wieder ein Mädchen auf, vielleicht etwas älter als Julia, das barfuß um die Bahn sprintet und Staubwölkchen von der Aschenbahn hinter sich lässt, die mich an Comiczeichnungen erinnern. Mit anderen Kindern, die in der Affenhitze Gehpausen einlegen, komme ich ab und zu ins Gespräch.

Die ungewohnte Erfahrung, mit welch quälender Langsamkeit der Kilometerstand beim Gehen anwächst, irritiert mich ein bisschen. Stundenlanges Wandern habe ich nie trainiert. Es ist anstrengender, als ich dachte, zumal die Temperatur mittlerweile auf 37 Grad im nicht existierenden Schatten gestiegen ist. Die Schuhe der Läufer haben nach ein paar Stunden alle die gleiche Farbe vom Aschenbahnstaub. Ab und zu versuche ich zu laufen, aber mein rechter Fuß beginnt jedesmal beim Rückfußlaufen zu stechen. Vorfußlaufen ist problemlos möglich, erscheint mir aber als Fortbewegungsart für die vielen noch bleibenden Stunden als zu riskant.

Einmal pro Stunde wird für ein paar Minuten eine Sprinkleranlage angestellt. Der künstliche Regen bringt angenehme Abkühlung. Am späten Nachmittag machen mich zwei Läuferinnen darauf aufmerksam, dass meine Waden und Arme fast so rot sind wie mein Vereinsoutfit. Sonnenbrand. Ich nehme dankbar einen Klecks Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 25 an und ärgere mich ein bisschen, dass ich die letzten zwei Monate praktisch nur im Wald trainiert habe. Ich bin zwar als dunkler Typ nicht empfindlich mit Sonnenbrand, aber offensichtlich haben die Wassertropfen aus der Sprinkleranlage wie Brenngläser gewirkt.

Nach 11 Stunden habe ich erst 54 Kilometer erreicht und falle in ein Motivationsloch. Eine der kurzen zur Regeneration gedachten Pausen geht für die Versetzung meines Verpflegungsstandes drauf. Um 22:00 Uhr gewinnt das Weichei in mir die Oberhand, und ich ziehe mich in mein Zelt zurück. Ich fühle mich mental völlig leer und weiß nicht einmal, ob ich jetzt aufgegeben habe. Ich werde so lange schlafen, bis ich von selbst aufwache und keine Lust mehr habe, im Zelt zu bleiben.

Julia genießt ihre Freiheit, etwas länger als ich draußen zu bleiben.

Die stündliche Lautsprecher-Ansage der erreichten Runden aller Staffeln hält mich wach; erst nach 3 oder Uhr schlafe ich eine Weile.

Um 6 Uhr krabble ich steif wie ein Brett aus dem Zelt und stolpere zur Bahn. Dort geschieht ein kleines Wunder - ich kann plötzlich, aus dem Stand heraus, völlig locker und schmerzfrei laufen, sogar mit Abrollen auf dem Rückfuß. Gut sechs Kilometer weit lasse ich mich von den Endorphinen um die Bahn treiben, viel zu schnell für einen 24-h-Lauf. Dann gewinnt wieder die Vernunft die Oberhand; ich frühstücke kurz im Verpflegungszelt, dann gehe ich wieder, horche in den Fuß hinein, ob nicht etwa ein vom Laufen betäubter Schmerz wieder da ist. Irgendwas fühlt sich stumpf an, also wandere ich vorsichtig weiter. Ein bisschen graut es mir vor der ansteigenden Sonne, denn ich laufe jetzt wegen des Sonnenbrands in langen Tights und langärmliger Jacke. Ich beginne zu rechnen: wenn ich mit vielen Pausen locker wandere, schaffe ich wenigstens 70 km. Wenn ich mich gut dranhalte, vielleicht sogar 80. Mein vor dem Lauf gestecktes Ziel, 100+ zu erreichen, kann ich abschreiben, weil ich in der Nacht keine Kilometer gefressen habe.

Eine Stunde vor Schluss animiert Marion Fiox die Zuschauer und die jeweils pausierenden Staffelläufer, die Läufer im Zielbereich anzufeuern. Neu ausgelobte Sonderprämien der Sponsoren heizen zusätzlich die Stimmung an. Eine halbe Stunde vor Schluss probiere ich vorsichtig aus, ob ich aus dem Ultrajoggerschlurfschritt heraus Tempo machen kann. Es geht! Jetzt nehme ich mir pro 1 bis 2 Runden jeweils einen der schnellsten Staffelläufer vor und spurte mit ihm/ihr 50 bis 200 Meter zum Zielbereich. Das Publikum tobt. Es macht mir einen Riesenspaß, dass ich nach vielen Stunden auf der Bahn noch zu dieser Art Intervalltraining fähig bin. Ich habe jetzt exzessiv Wandern trainiert, warum nicht jetzt noch ein bisschen Training der Kerosinspeicher - die heißen eigentlich irgendwie anders, aber ich will jetzt nicht denken, sondern nur im Tiefflug um die Bahn fegen. Einen der schnellsten Staffelläufer kann ich 10 Meter vor dem Ende einer Runde um mindestens eine halbe Trikotdicke überspurten ;-)

11:00 Uhr. Finis. 206 Runden = 82,4 km. Nicht mal zwei Marathons. Eine geradezu lächerlich kurze Strecke für einen 24-h-Lauf. Aber egal, es hat trotz aller Schwierigkeiten, trotz der brütenden Hitze und des allgegenwärtigen Staubs der Aschenbahn, Spaß gemacht. Ich bin um jede Menge Erfahrungen reicher, die mir bei zukünftigen Ultraläufen nützlich sein werden, auf jeden Fall auch beim Alzeyer 24-Stunden-Bahnlauf 2005.

Klaus Herbst hat nach offizieller Zählung 249 Runden = 99,6 km geschafft. Offensichtlich ist da beim Zählen ein Chip verloren gegangen.

Die Veranstalterin Marion Fiox erhält Applaus mit einer La-Ola-Welle. - Ich möchte ihr und ihren Helferinnen und Helfern für die gute Organisation danken, durch die mir mein erster 24-Stunden-Lauf in bester Erinnerung bleiben wird.

Das Spendenergebnis übertrifft 8.000,- EUR. Die vollständigen Lauf- und Spendenergebnisse werde ich so bald wie möglich hier veröffentlichen.

Heute, Montag, habe ich weniger Muskelkater als nach einem harten Trainingslauf und kann fast mühelos Treppen herunterrennen. Insofern habe ich bei meinem 24-h-Debüt nichts falsch gemacht, oder?-)


Alexandra Schäfer schrieb für den Alzeyer Anzeiger über Rasende Laubfrösche und geölte Blitze.

 
 

Mainz, 21. Juli 2003

Home / Laufen, Ausdauersport / 24-Stunden-Bahnlauf in Alzey 2003