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Trainingsultramarathon von Mainz
auf den Großen Feldberg im Taunus

Nachtlauf am 18./19. April

Fotos: Gabi Leidner (Farbe) und Ronald Vetter (Aufnahmen im Nachtlicht)

 
   
 

"... so was von völlig gaga, verrückt, irre, absolut bescheuert, ... - aber eben nur für die Klientel, die uns Langläufer niemals versteht."

Stephan Rainer über diesen Lauf,
an dem er leider nicht teilnehmen konnte

Wenn man in Mainz auf einem erhöhten Standort steht, zum Beispiel auf einem Hochhaus oder auf dem Lerchenberg, ist an klaren Tagen die Skyline von Frankfurt und links davon der Große Feldberg mit seinen beiden Funktürmen zu sehen. Seit ich lange Strecken laufe, ließ mich der Gedanke nicht los, von meiner Haustür aus dieses Ziel zu erreichen. In Luftlinie sind das nur gut 32 Kilometer, und die kürzeste Strecke über Feld- und Waldwege entspricht ungefähr der Marathondistanz.

Auf die Idee, nachts auf den Feldberg zu laufen, kam ich nach meiner ersten und bisher einzigen Teilnahme am 100-Kilometer-Lauf in Biel im Juni 2002, den ich wegen verschiedener Probleme in Kirchberg (km 58) abbrechen musste. Besonders zu schaffen gemacht hatte mir die nächtliche Nahrungsaufnahme. Deshalb nahm ich mir vor, Essen bei Nachtläufen zu Hause so gut wie möglich zu trainieren.

Im Laufe der Planung wurde aus der ursprünglich angedachten Marathondistanz ein Ultramarathon von gut 50 Kilometern, denn ich wollte mögliche Risiken so gut wie möglich minimieren, und hierzu gehört auch die Planung einer Strecke, die an allen Abzweigungen auch bei Dunkelheit markant genug ist, so dass man sich nicht verläuft.

Bruno, Jürgen, Wolfgang, Arnold

Dank Steppenhahns Ultramarathon-Forum kam am 18. April ein Grüppchen von Läufern und Supportern zusammen, mit dem der Lauf im Rahmen des bei privater Organisation Möglichen beinahe zu einem Rundum-Sorglos-Paket wurde: Frau Werwolf stellte sich als PKW-Begleiterin zur Verfügung, die an sechs vereinbarten Treffpunkten an die Strecke kam, bewacht von ihrem "Bodyguard" Ronald Vetter. Arnold Schmidt begleitete uns in reflektierender THW-Kleidung mit dem Fahrrad. Als Läufer waren wir zu dritt: Wolfgang Gräf aus Bingen, Bruno Schneiter aus Winterthur und ich.

Freitag abend, 22:30 Uhr: Frau Werwolfs Auto ist schnell beladen, so dass wir eine Viertelstunde früher als vorgesehen starten können.

Auf den ersten fünf Kilometern geht es durch Wohngebiete, in denen am späten Abend des Karfreitags kaum jemand unterwegs ist. Das erste interessante Panorama bietet sich bei sternenklarem Himmel auf der Eisenbahnbrücke über den Rhein nach Gustavsburg. Wir laufen mit rund 11 km/h eigentlich zu schnell.

Auf der Gustavsburger Schleuse überqueren wir den Main. Ich warne meine Mitläufer vor den Kaninchenlöchern im Weg, der am Main entlang flussaufwärts führt. Wir nehmen das Tempo zurück; ich laufe vor und konzentriere mich auf den Lichtkegel meiner Stirnlampe. Plötzlich trete ich ins Leere, strecke reflexartig die Arme nach vorn, rufe "Vorsicht, Loch!" und lande auf beiden Handflächen. Beinahe im selben Zeitpunkt scheppert es hinter mir - ich drehe mich schnell um und sehe Arnold neben dem Fahrrad liegen. Er ist in ein anderes Kaninchenloch geradelt.

Bruno und Wolfgang

Aus Wolfgangs Perspektive muss mein Sturz anders ausgesehen haben, er beschreibt ihn als halbe Schraube mit Rückenlandung. Meine Handflächen brennen; sonst ist anscheinend nichts passiert. Nur 200 Meter weiter treffen wir zum ersten Mal unsere Auto-Supporter.

Zwar blieb der Sturz von Kameraobjektiven unbeobachtet, aber Wolfgangs Nacherzählung wurde gleich zweifach fotografisch dokumentiert - von Frau Werwolf in Farbe und von Ronald mit meiner Videokamera im natürlichen Nachtlicht.

"The making of"

Auch Arnold hat den Sturz unbeschadet überstanden.

Nach dem ersten Verpflegungspunkt geht es noch ein paar Kilometer am Mainufer entlang, dann durchlaufen wir den Ortsteil Flörsheim-Keramag und biegen nach links in Richtung Taunus ab. In der "Flörsheimer Schweiz", einem stillgelegten Steinbruch, kommt die erste knackige Steigung mit ca. 20 %, dann geht es durch die Weinberge nach Wicker. Rechts vorne sehen wir die hell beleuchteten Hochhäuser von Mainhattan. Bei km 19 erreichen wir in Bad Weilbach den zweiten Verpflegungspunkt. Ich nutze die Gelegenheit, eine Jacke überzuziehen, denn der Wind wird immer stärker. Es ist nur 3 Grad über Null.

Gabi kann sich nicht durch Laufen warmhalten und friert erbärmlich. Zum Glück werden wir nach dem dritten Verpflegungspunkt in Diedenbergen den Wald erreichen, wo wir windgeschützt laufen können.

Vorher müssen wir noch Weilbach durchqueren. Aus einer Kneipe stolpern uns ein paar Nachtschwärmer entgegen und sehen uns entgeistert an.

Für km 20,5-21 habe ich eine besondere Schikane eingeplant: Die Simulation des beim Bieler Hunderter berüchtigten Ho-Chi-Minh-Pfads - ein Weg voller Stolperfallen, der an einem Bach entlang führt. Doch wo bei meinen Vorbereitungstouren vor zwei, drei Wochen noch ein tief ausgespülter Hohlweg war, ist jetzt ein neuer Belag aufgestreut.

In Diedenbergen machen wir an Steigungen die ersten Gehpausen. Der Lauf ist als Training gedacht, bei dem sich niemand zu stark verausgaben soll. Es folgt ein langes Gefälle an Marxheim vorbei nach Hofheim, auf dem wir alle bisher gelaufenen Höhenmeter wieder verlieren.

Tief in der Nacht genieße ich eine Stille, die für das dicht besiedelte Rhein-Main-Gebiet ungewöhlich ist. Außer dem Knirschen unserer Schuhe auf dem Waldweg ist kaum ein Laut zu hören - kein Auto, kein Flugzeug, nur ab und zu das Rauschen des Windes in den Baumkronen. Am Lorsbacher Kopf kracht und raschelt es plötzlich wenige Meter neben uns. Wolfgang identifiziert am Geruch eine Horde Wildschweine. Da er sie riechen konnte, haben sie uns offensichtlich gegen der Wind erst spät gewittert.

Beim nächsten Verpflegungspunkt in Fischbach ist km 37,5 erreicht. Es wird immer kälter und ich bekomme Probleme mit der Atmung, obwohl mir kalte Luft normalerweise nichts ausmacht. Anscheinend sind meine Atemwege noch von einer Pollenallergie angegriffen, an der ich in den letzten Tagen gelitten habe. Wolfgang hat einen wertvollen Rat: durch ein Tuch atmen. Wieder einmal freue ich mich über die vielseitige Verwendbarkeit meines Buffs, den ich mittlerweile bei jedem Wetter dabeihabe, und ziehe ihn über Nase und Mund. Die hierdurch angewärmte Atemluft macht sich sofort angenehm bemerkbar.

Von Fischbach an geht es nur noch bergauf. Wir treffen Gabi und Ronald bei km 43,5 mitten im Wald und entleeren Arnolds Satteltaschen, weil nun die steilsten Streckenabschnitte bevorstehen. Am Steinkopf geht der Pfad genau gegen den Hang, und wir schieben bei 30-40 Grad Steigung das Fahrrad zu zweit.

Ab Kilometer 46 gehen wir auf der Straße. Allmählich wird es dämmerig, und erst jetzt beginnen die Vögel zu singen. Auf den letzten 500 Metern verlassen wir die Straße, um als Abschluss eine heftige Steigung zu genießen. Hier kommt uns ein Läufer entgegen, der offensichtlich vorher auf dem Gipfel war. Leider können wir keinen Sonnenaufgang sehen, denn die Feldbergkuppe liegt in so dichtem Nebel, dass kaum die Spitze des Funkturms erkennbar ist.

Ein eisiger Wind bläst, und wir sind froh, beim Umziehen den Windschatten in einer Bushaltestelle nutzen zu können. Gabi teilt Ostereier aus - mir gelingt es mit meinen klammen Fingern nicht, eines aus dem Karton zu heben.

Auf dem Feldberg

Herzlichen Dank an Gabi, Ronald, Arnold und Kathrin für die Begleitung per PKW und Fahrrad, und an Bruno und Wolfgang fürs Mitlaufen!

Mainz, 24. April 2003
Jürgen Rodeland


 
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