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Untertage-Marathon
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| Freitag, der 12. Dezember 2003, 19:00 Uhr. Ich fahre
in gemächlichem Tempo auf der Autobahn im Nieselregen
und beobachte das Außenthermometer. Die Temperatur
pendelt um 0 Grad, und ich konzentriere mich, um nicht
von Glatteis überrascht zu werden. Bei dem Marathonlauf,
den ich mir vorgenommen habe, wird das Wetter keine Rolle
mehr spielen. Im Kalibergwerk von Sondershausen,
durchschnittlich 700 Meter unter der Erdoberfläche oder
500 Meter unter dem Meeresspiegel, wird die Temperatur 25-27°
bei nur 30 % Luftfeuchtigkeit betragen. Im Training habe
ich mich so gut wie möglich auf die ungewöhnlichen
Laufbedingungen vorbereitet, unter anderem durch einen 26-km-Nachtlauf
mit Fahrradhelm, weil im Bergwerk Helmpflicht besteht.
Dabei hat sich herausgestellt, dass es am bequemsten ist,
die Stirnlampe nicht mit dem Kopfband zu tragen, sondern
sie direkt am Helm zu befestigen. Außer dem rutschigen Boden, der laut Manfreds Bericht von 2002 etliche Stürze verursacht hat, macht mir der Fahrradhelm am meisten Sorgen. Die beim Laufen vom Körper produzierte Hitze wird ja zu einem großen Teil über den Kopf abgeleitet. Wenn der aber mit einer Styroporschicht isoliert ist, kann sich schnell ein Hitzestau bilden. Da helfen auch die Lüftungsöffnungen im Helm nicht viel, denn zumindest bei meinem langsamen Lauftempo wird es keinen Fahrtwind geben. Um 22:00 Uhr komme ich in der Jugendherberge Sondershausen an und treffe Manfred, der ein Doppelzimmer reserviert hat. Von zwei Weizenbier verspreche ich mir guten Schlaf, aber die Unruhe hält mich noch bis weit nach Mitternacht wach. Wenigstens habe ich in der viel wichtigeren, vorherigen Nacht ruhig geschlafen. Nachdem wir schon um 6:30 gefrühstückt haben, können wir uns viel Zeit lassen und die oberirdischen Anlagen des Bergwerks besichtigen. Ich werfe einen Blick auf den Streckenplan. Vier identische Runden in der Form einer Acht sind zu durchlaufen. Die erste Verpflegungsstelle ist am Begegnungspunkt, die zweite an der vom Start am weitesten entfernten Stelle, die dritte wieder am Begegnungspunkt und die vierte im Zielbereich. Vor dem Fahrstuhl, der jeweils 20 Personen in einer dreieinhalbminütigen Fahrt in die Tiefe bringt, hat sich eine lange Schlange gebildet. Ich bin froh, nicht unter Klaustrophobie zu leiden, denn in den beiden übereinanderliegenden, je 10 Personen fassenden Kabinen stehen die Läufer und auch ein paar Besucher des Erlebnisbergwerks dicht gedrängt. Obwohl ich nicht groß bin, stoße ich mit dem Kopf an die Decke. Im Stimmengewirr der vor dem Startbogen stehenden Läufer, das durch die gewölbte Decke akustisch verstärkt wird, ist kaum zu verstehen, was ein Sprecher erklärt. Nur so viel bekomme ich mit, dass vor dem eigentlichen Start ein halber Kilometer ohne Zeitnahme gelaufen wird. Viele haben das nicht gehört und sind irritiert, als das Feld wieder anhält und ein zweiter Startschuss fällt. Gleich zu Beginn geht es in einem kerzengeraden Tunnel eine lange Steigung hinauf. Manfred hat mir fingerlose Handschuhe geliegen, um Schrammen an den Händen bei einem Sturz zu vermeiden. Wegen der Hitze beschließe ich, die Handschuhe zunächst im Gürtel zu lassen und vorsichtig auszutesten, wie groß die Rutschgefahr ist. Es geht besser als erwartet. Glatt sind nur die im Licht der Helmlampe gut erkennbaren Stellen, die wie gefrorene Pfützen aussehen. Ab und zu liegen ein paar Brocken herum, die zu Stolperfallen werden können. Ungefähr am höchsten Punkt der Runde ist die erste Verpflegungsstelle aufgebaut. Der Andrang ist groß, so dass ich lange warten muss, aber ich beschließe, diese Zeit zu opfern, um in der trockenen Luft nicht zu dehydrieren. Danach windet sich der Weg steil in die Tiefe. Zum Glück ist in den Boden zum Teil dasselbe Profil hineingefräst wie in die Wände. Ich laufe bewusst langsam und schaffe es trotzdem nicht, meinen von langen Trainingsläufen her gewohnten Atemrhythmus zu finden: je vier Schritte ein- und ausatmen. Sicher ist der Sauerstoffgehalt niedriger als im Freien, obwohl der athmosphärische Druck hier unten erheblich höher als an der Erdoberfläche ist, wie ich beim Hinunterfahren bemerkt habe. Als ich die 5000-Meter-Markierung erreiche, kann ich es kaum glauben, erst so wenig gelaufen zu sein, und mir kommen Zweifel, ob ich die schwierige Strecke mit insgesamt 1240 Höhenmetern (natürlich bergauf und bergab zu durchlaufen!) schaffen werde. Nach der zweiten Verpflegungsstelle, die sich ungefähr am tiefsten Punkt der Strecke befinden muss, wo man die größere Hitze deutlich spürt, geht es in mehreren Kehren steil bergauf - stellenweise so steil, dass es schwierig ist, auf dem Boden Halt zu finden, der von hunderten Laufschuhen zu Sand zermahlen ist. Bereits stark aufgeheizt, gieße ich mir an der dritten Verpflegungsstelle einen halben Becher Wasser durch eine Öffnung im Helm auf den Kopf. Hier bringt auch eine Frischluftzufuhr etwas Abkühlung, und es folgt der leichteste Abschnitt. In einem schnurgeraden Tunnel geht es eine sanfte Steigung hoch. Zum ersten Mal finde ich den Laufrhythmus, in dem ich mich wohlfühle. Die alle 40 Meter aufgehängten Lampen werfen je ein Lichtband, das den Tunnel umkreist; dazwischen herrscht fast völlige Dunkelheit. In der Eintönigkeit dieses Abschnitts schaffen die Variationen in dem graphisch wirkenden Wechsel von Lichtbändern und Dunkelheit Abwechslung, ebenso wie die Akustik, die sich mit den Querschnittsprofilen des Stollens ändert. Die wenigen Sinneseindrücke empfinde ich als sehr ästhetisch. Weil ich auf die Mitnahme meiner Kamera verzichtet habe, speichere ich die Bilder im Kopf. Sie werden mir sicher bei mentalen Krisen in zukünftigen Läufen eine gute Motivationshilfe sein. Die Steigung ist längst in eine Ebene übergegangen, als der Weg nach einem Rechtsknick abschüssig wird. Im Gegensatz zum starken Gefälle im zweiten Viertel der Runde lässt es sich hier gut laufen. Ich lasse es rollen, und die Kilometerschilder 40, 30, 20 und 10, die jeweils rund 550 m auseinander liegen müssen, folgen einander wie im Flug. Vor dem Ende der Runde wird es noch einmal steil und kurvig, dann kommen kurz hintereinander zwei röhrende Frischluftdüsen, gefolgt von dem Getümmel im Zielbereich, in dem sich außer den Helfern erstaunlich viele Zuschauer aufhalten. Da ich die Strecke jetzt kenne, hat sie einen Teil ihres Schreckens verloren, wenn ich auch zugeben muss, dass mir die ersten 10 Kilometer eines Marathonlaufs noch nie so schwer gefallen sind. In der zweiten Runde versuche ich, mir so viele Details wie möglich einzuprägen. Die Wände des Stollens sind meist grau-weiß marmoriert, doch an einigen Stellen ist das Salz rostrot. Am rechten Wegrand in der langen, geraden Steigung nach dem Start verrotten Baufahrzeuge. Ab und zu zweigen links und rechts Gänge ab, die in undurchdringliche Schwärze führen; alle sind mit Markierungsbändern abgesperrt, so dass man sich nicht verlaufen kann. Ich lasse meine Stirnlampe nur noch brennen, wenn es bergab geht und wenn vor mir kein Läufer ist, in dessen Lichtkegel ich die Bodenunebenheiten und rutschigen Stellen erkennen kann. Nachdem sich das Läuferfeld weit auseinandergezogen hat, bin ich oft minutenlang allein und kann meinen Gedanken nachhängen. Die Vorstellung, dass sich über mir mehr als ein halber Kilometer Gestein befindet, beunruhigt mich nicht - im Gegenteil: hier unten fühle ich mich an einem sicheren, der Welt geradezu entrückten Ort. In der dritten Runde begegne ich noch weniger Läufern. Ich wundere mich, dass ich immer wieder überhole, obwohl mein Tempo so gering ist. Der Gedanke, dass ich an jedem Punkt, den ich jetzt überquere, nur noch einmal vorbeikommen werde, verschafft mir zusätzliche Motivation. Ab und zu fahren ein Kleinbus oder ein Pritschenwagen, auf dem einige Leute sitzen, vorbei. Der aufgewirbelte Staub ist im Lichtkegel der Helmlampe zu sehen und brennt in den Augen. Am Ende der dritten Runde erfahre ich zum ersten Mal eine Durchgangszeit: 3:52. Damit liege ich im Bereich, den ich mir vorgenommen habe. Etwas später geht rechts ein Helfer, der das Schild "500 m Verpflegung" trägt. Irritiert frage ich mich, warum schon abgebaut wird und ob mich gleich der Besenwagen einholen wird. An der Verpflegungsstelle löst sich das Rätsel: Es ist nichts mehr zum Trinken da; nur ein paar Orangenschnitze liegen auf einem Tablett. Die mag ich wegen der Säure beim Laufen zwar nicht, aber um nicht zu dehydrieren, esse ich ein paar und hoffe auf den Getränkestand am tiefsten Punkt der Strecke. Dort ist überhaupt nichts mehr zu bekommen. Mit Schrecken denke ich an die bevorstehende brutale Steigung und nehme mein Tempo zurück, um keinen Hitzekollaps zu erleiden. Die steilsten Stellen überwinde ich im Schneckentempo mit vielleicht nur 2 km/h und überhole dabei noch Läufer, die Stehpausen einlegen. Einige tragen ihren Fahrradhelm in der Hand. Auch in den wenigen ebenen Abschnitten gehe ich jetzt; nur bergab wird gelaufen. Eigentlich müsste mir das dauernde Überholen einen Endorphinschub verpassen, aber der wird von der Sorge verhindert, dass ich jederzeit Läufern begegnen könnte, die kollabiert am Streckenrand liegen. Zweieinhalb Kilometer vor dem Ziel gibt es endlich wieder Wasser. Ich nehme den leichten Rest der Runde unter die Beine, überhole noch ein paar Läufer und komme nach 5:22:01 ins Ziel. Genau anderthalb Stunden habe ich für die letzte Runde gebraucht. Als Manfred und ich unsere Finisher-T-Shirts abholen, kommen wir an der tiefsten Biertheke Deutschlands vorbei. Diesen verlockenden Genuss muss ich mir leider verkneifen, denn ich habe noch eine Autofahrt von gut 300 Kilometern vor mir. Obwohl der Lauf über ein imposantes Streckenprofil führte und das gesamte Ambiente höchst beeindruckend war, kann ich mich nicht richtig freuen. Die Fehlkalkulation des Trinkwasserverbrauchs und den Verzicht auf Kühlwasser halte ich für eine Fahrlässigkeit des Veranstalters, die nicht hätte passieren dürfen, zumal alle Bedingungen vorher bekannt waren. Von dieser Kritik möchte ich jedoch ausdrücklich die freundlichen, freiwilligen Helfer ausnehmen, in deren Macht es nicht stand, Abhilfe zu schaffen. Eine ausreichende Getränke- und Kühlwasserversorgung müsste nicht einmal mit Mehrkosten verbunden sein. Anstelle des teuren Mineralwassers, dessen Kohlensäure ohnehin beim Laufen stört, tut es auch Leitungswasser. Die gesparten Kosten könnten z. B. in Cola investiert werden, die viele Läufer für unentbehrlich halten. Wenn dies bei der dritten Auflage des Laufs berücksichtigt wird und der Veranstalter nicht mehr Startnummern als dieses Jahr (ca. 300) ausgibt, kann ich den Sondershausener Untertage-Marathon jedem empfehlen, der ein herausragendes Lauferlebnis sucht. |
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Mainz, 15. Dezember 2003 Home / Laufen, Ausdauersport / Untertage-Marathon
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