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Wassermusik IV: Die unbeschreibliche Heiterkeit des Rheins

Lauf von Mainz nach Bingen am 4. April 2004

Für Lauffreund Wolfgang Gräf und sein Projekt "Run down River Rhine"

Streckenlänge: 30,7 km
Overlay für die TOP-50-Software zum Download
Die Overlay-Datei ist in den TOP-50-CD-ROMS
"Hessen" und "Rheinland-Pfalz" verwendbar.

   
  Der Kartenausschnitt stammt aus der CD-ROM "TOP 50 Hessen", Ausgabe Mai 1998. Die CD-ROM ist im Buchhandel (ISBN 3-89446-287-6) erhältlich. Die Verwendung des Kartenausschnittes auf dieser Internet-Seite dient rein privaten, nicht kommerziellen Interessen. Ich gehe davon aus, hiermit nicht gegen das Copyright des Herausgebers (Hessisches Landesvermessungsamt, eingegliedert in die Hessische Verwaltung für Regionalentwicklung, Kataster und Flurneuordnung) zu verstoßen, zumal diese Internet-Seite vielleicht einige Leser zum Kauf der CD-ROM motiviert. Mein Exemplar der CD-ROM leihe ich prinzipiell nicht aus, und ich brenne keine Raubkopien; entsprechende E-Mail-Anfragen werden nicht beantwortet. Sollten seitens des Copyright-Inhabers Bedenken gegen diese Online-Veröffentlichung bestehen, bitte ich um Nachricht per E-Mail. Ich werde in diesem Fall die Karte umgehend entfernen. Nähere Informationen zur TOP 50 auf der Website des Herausgebers.  

  Der heutige Lauf ist mein zweiter langer Trainingslauf in der direkten Vorbereitung auf den diesjährigen Helgoland-Marathon.

Am Wochenende davor bin ich von Mainz nach Kelsterbach beim Frankfurter Flughafen gelaufen und mit der S-Bahn zurück nach Hause gefahren. Die Verbindung von Laufen und Bahnfahren macht mir Freude, weil ich so auch im Trainingsalltag neue Strecken kennenlerne, die weiter von meiner Haustür wegführen, als wenn ich eine Runde laufe. Letztes Wochenende hatte ich noch leichte Probleme, und so nehme ich mir für heute eine besonders leichte Strecke vor: Von meiner Haustür zum Hauptbahnhof nach Bingen. Es gibt praktisch keine Steigungen, und das Ziel liegt 45 Höhenmeter tiefer als der Start.

Ich starte um 14:35 Uhr. Das herrliche Aprilwetter mit strahlendem Sonnenschein, aber auch ein paar fotogenen Wolken, lässt schon auf dem ersten Kilometer Vorfreude auf die Strecke am Rheinufer aufkommen.

Mein Lauf führt mich zunächst durch Gonsenheim und den Gonsenheimer Wald (Lennebergwald) hinunter nach Budenheim am Rhein.

 
 
 
  Am Startpunkt der markierten Laufstrecken durch den Lennebergwald gegenüber der 14-Nothelfer-
Kapelle steht eine Reihe Platanen. Die unzähligen sich V-förmig gabelnden Äste suggerieren mir die Victory-Geste. Ein idealer Beginn meines heutigen Laufs!
 
 
 
  In Budenheim lasse ich ein Industrie-
Gelände rechts liegen und biege nach Westen auf den Hochwasser-
damm ab, der am Rheinufer entlang führt. Von hier an bis zum Ziel werde ich das Rheinufer nicht mehr verlassen.
 
 
 
In den kerzengeraden Alleen lasse ich mich in eine scheinbare Laufmonotonie hineinfallen, die in Wirklichkeit ein Zustand ist, in dem die Gedanken frei fließen und die Beine wie von selbst vor sich hin rollen. Schnell stellt sich das tiefe Glück ein, das ich beim langen Laufen so schätze.  
 
   
  Durch die kleinen Pausen zum Fotografieren wird meine Laufroutine nicht unterbrochen. Ich nehme mir zur Motivsuche Zeit und klettere ab und zu auf der steinigen Uferbefestigung herum, um die besten Blickwinkel zu erreichen.  
   
   
   
  Die evangelische Kirche in Erbach sehe ich nach 1 1/2 Stunden ...  
   
   
   
  ... und fünf Minuten danach die katholische Kirche im selben Ort.  
 
 
Weiter geht es durch eine lange Allee.  
 
   
   
   
  Der historische Schiffskran in Oestrich-Winkel, "Oestrich" ohne Ö-Striche, also mit oe wie Goethe, der seine Aufenthalte am Rhein so eindringlich beschrieben hat. Der heutige Apriltag ist von einer ungetrübten Heiterkeit; mir bläst ein erfrischender Gegenwind ins Gesicht, und die Sonne taucht das gerade sprießende, gelbgrüne Frühlingslaub in ein brillantes Licht.

Der Rhein hat in seiner Geschichte aber auch schlimme Zeiten erlebt. Ich denke zum Beispiel an die Belagerung von Mainz 1792, über die Goethe berichtete. Auch im weiteren Verlauf meiner heutigen Run-down-River-Rhine-Etappe sehe ich Zeugen der oft blutigen Geschichte, die sich hier abgespielt hat.

 
   
   
   
  Um 16:52, meine Digitalkamera speichert praktischerweise Datum und Uhrzeit mit, rücken die Winkeler Kirche im Vordergrund und das Kloster Marienthal im Hintergrund in meine Perspektive. Das Teleobjektiv lässt die Distanzen viel kürzer erscheinen.  
 
 
  Diese Markierung auf dem Rheinuferweg amüsiert mich und gibt mir die Gelegenheit, das Foto mit einem internen Link zu versehen.
 
 
 
Fünf Minuten danach überquere ich die Selz an ihrer Mündung in den Rhein.  
 
   
   
   
  Ein steifer Westwind weht mir ins Gesicht und biegt die Äste von zwei Trauerweiden, die an der Selzmündung stehen.  
   
   
   
  Um 17:18 Uhr entdecke ich in der Ferne die Binger Rochuskapelle, ...  
   
   
   
  ... und wenige Minuten später sehe ich am anderen Rheinufer die monumentale Pfarrkirche zur Kreuzauffindung in Geisenheim.  
 
 
Das Wasser ist wahrscheinlich schneller als ich. Ich laufe in meinem Wohlfühl-
Tempo und nehme mir vor, in bester Verfassung in Bingen anzukommen.
 
 
 
 
  Diese drei Storchennester sind noch leer. Vielleicht sind ihre Bewohner gerade auf ihrem Ultramarathon-
Flug von Afrika an den Mittelrhein.
 
   
   
   
  Viertel vor sechs. Eine der Erklärungstafeln im Europareservat Rheinauen fesselt meine Aufmerksamkeit. Hier lebt der Pirol, auf deutsch auch "Vogel Bülow", dessen französischer Name Vicco von Bülow zu seinem Künstlernamen "Loriot" verholfen hat.

Eine Weile behalte ich die Baumkronen im Blick, kann den komischen Vogel aber nicht entdecken.

 
 
 
Zwischen Bingen-
Kempten und Rüdesheim stehen am Flussufer und im Strom noch die Pfeiler einer Brücke, die von der Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkriegs völlig unsinniger-
weise gesprengt wurde.
 
 
   
   
   
  Rüdesheim am anderen Ufer - ich nähere mich dem Ziel.  
   
   
   
  Halt! Nachdem ich vorhin etwas enttäuscht war, dass die Storchennester noch leer waren, sehe ich jetzt doch noch einen. Bei dieser Gelegenheit wünsche ich allen Paaren, die heute am Schnaps-Datum geheiratet haben, alles Gute!  
   
   
   
  Beim Binger Fähranleger vermute ich, in einer Sackgasse zu landen, wenn ich weiter am Ufer entlang laufe. Zum Glück habe ich gerade Wolfgang am Mobiltelefon, teile ihm meine Begeisterung über diesen Lauf mit und erfahre von ihm, dass ich ruhig geradeaus weiter laufen kann. So entgeht mir auch nicht dieser Blick auf die Ruine Ehrenfels.  
   
   
   
  Fast bin ich am Ziel. Drei fröhliche Jungs auf einem Plakat signalisieren mir "Victory". Ich banne sie zuerst auf meinen Fotochip und dann auf meine Website, weil sie für einen guten Zweck werben.  
 
 
  Auch am Binger Rheinufer steht ein historischer Kran, und direkt gegenüber glotzt mich der Binger Stadtbahnhof mit dem architektoni-
schen Charme der Nachkriegzeit an.

In Bingen hat sich die Deutsche Bahn übrigens etwas ganz Besonderes ...

 
   
   
   
  ... ausgedacht, um Ortsunkundige in die Irre zu führen. Dieser Bahnhof mitten in der Stadt ist nur eine Regionalhaltestelle. Der "Hauptbahnhof", an dem die Fernzüge halten, liegt außerhalb im Stadtteil Bingerbrück. Ich habe es mehrfach mitbekommen, dass sich Leute im Binger Stadtbahnhof die Beine in den Bauch gestanden haben, weil sie dort Gäste abholen wollten, die natürlich nicht dort, sondern am Hauptbahnhof ankamen.  
   
   
   
  Ein paar Minuten muss ich noch laufen, dann bin ich nach genau vier Stunden - brutto einschließlich der vielen Fotostops - am Ziel.

Als ich im Zug ein paar Dehnübungen mache, habe ich noch ein nettes Erlebnis. Ich versperre dabei den Durchgang, mache ihn kurz für eine Dame frei, und sie sagt "Passt schon". Und dies, obwohl ich meine Klamotten vom Laufverein "Passtschon 98" gar nicht an habe ;-)

Passtschon 98 - Powered by Weizenbier

Powered by Weizenbier? Nein, heute nicht, denn bis zum Helgoland-Marathon am 8. Mai 2004 habe ich mir absolutes Alkoholverbot auferlegt.

Wen es interessiert, wie es von Bingen nach Koblenz mit der Bahn und zurück zu Fuß weitergeht, kann hier gleich weiterlesen: Erster Weltkulturerbe-Rheintal-Ultramarathon 2003

 
   
 

Jürgen Rodeland, 4. April 2004

 
 

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